
zweitrangig - Wer Juergen Kestings Buch schon besitzt, wird hier nicht viel Wissenswertes dazulernen. Der Autor hat sich deutlich mehr von den Klatschspalten der Boulevardpresse bezueglich seine Meinung ueber Saenger beeinflussen lassen als Kesting, der seine manchmal harten Urteile jedoch stets zu belegen versucht. Man muss Kestings Meinungen zu manchem Saenger nicht teilen, doch regen seine Anmerkungen zum Nachhoeren an.Das ist bei Jens Malte Fischer selten der Fall, viele Anmerkungen bleiben Gemeinplaetze und sind selten begruendet.Zudem bleiben eine ganze Reihe zentraler Saenger, um mit den Worten Kestings zu sprechen, vollkommen unerwaehnt, wie zum Beispiel der Bariton Giuseppe Taddei. Natuerlich kann ein solches Buch nicht alle der wichtigen Saenger besprechen, totschweigen, weil man sie vielleicht nicht genuegend studiert hat, darf man sie trotzdem nicht.Die fehlende Aktualitaet ist kein wirkliches Defizit, da man den Wirkung eines Saengers in der Gesangsgeschichte doch immer mit Abstand betrachten sollte, waehrend die einstweilige Euphorie, die bei Entdeckung eines Talents auffacht, schnell wieder abflauen kann.Fazit: nicht unteressant, aber fuer jemanden, der sich tiefer mit Stimmen befassen will, ist dieses Werk eher zweitrangig.
Quadratur des Kreises - Über Sänger schreiben, ist ein fast unmögliches Unterfangen. Die Spezialisten werden meist die Nase rümpfen, den Schreiber der Ignoranz bezichtigen, der künstlerischen Fehleinschätzungen dieses oder jenes Künstlers.Der Laie wird sich fragen, müsste ich den /die kennen ? Die meisten in dem Werk von Fischer aufgeführten Sänger sind auch Klassikfreunden, die keine Sänger-Spezialisten sind, unbekannt.Für wen also schreibt man ein solches Buch ? Wenn es sich ein wenig verkaufen soll, muss eine grössere Anzahl, also Laien angesprochen werden.Interessant, dass sowohl Kesting als auch eben Fischer viele Sänger aufführen, die schon lange tot sind und die nur Spezialisten bekannt.Interessant auch, dass Opernführer oftmals auf die älteren Aufnahmen als Refernz zurückgreifen.Dies erweckt den Eindruck, dass die Sänger früher besser waren und die Maßstäbe setzten für die nachfolgenden Generationen.Dies ist sicher falsch. Jede Generation hat eindrucksvolle Sänger, die sich durchaus dem Vergleich mit den grossen Alten stellen können.Darin liegt sicher die grösste Mangel dieses Buches. Es ist einfach nicht aktuell. Man möchte nicht über eine Marcella Sembrich etwas lesen, sondern über einen Matthias Goerne ( der , kein Wunder, in diesem Buch völlig fehlt). Die Beurteilung der aktuellen Sänger-Generation wäre sehr interessant.Wer singt ausser Netrebko, Garanca, Villazon oder Quasthoff sonst noch und wie ist sein/ihr Gesang einzuschätzen ?Dazu kann dieses Buch keinen Beitrag leisten.
Kurzweilige Lektüre, aber subjektiv und unausgewogen - Das Buch ist flüssig geschrieben, amüsant zu lesen, es ist gut formuliert und zeugt von Fachkenntnis. Es kommt aber (wohl zwangsläufig) etwas subjektiv daher, d.h. Negatives wird z.T. überbewertet, Qualitäten werden oft zu wenig hervorgehoben. Einige Bemerkungen sind ziemlich unqualifiziert und haben mit der musikalischen Leistung nichts zu tun. Grosse Sängerinnen und Sänger mit internationaler Karriere werden totgeschwiegen (Fernando Corena, Maria Chiara, Waldemar Kmentt, Nikola Ghiuselev, Rolando Panerai, Gustav Neidlinger, Felicia Weathers, Libero de Luca, Lorenz Fehenberger, Edda Moser, Wilma Lipp, Hilde Güden, Anna Tomowa-Sintow, Elizabeth Harwood, um nur einige zu nennen), während weniger bedeutenden Protagonisten relativ breiter Raum eingeräumt wird.Das Buch ist für Opernfreunde dennoch empfehlenswert. Zum einen weil es treffende Charakterisierungen, interessante Episoden, wichtige Daten und gute CD-Hinweise enthält, zum anderen weil es kaum Alternativen gibt. Leider ist es heute, wie alle Nachschlagewerke dieser Art, veraltet. Eine aktualisierte Neuauflage, welche die Jahre 1990 bis heute beleuchtet, wäre wirklich wünschenswert.
Beim Urteil über Sänger siegt Emotio über Ratio - Das Werk Grosse Stimmen ist eine Fleißarbeit und der Verfasser,Jens Malte Fischer, zweifelos ein fundierter Opernkenner und Stimmexperte. Das Buch leidet wie alle Werke dieser Art unter der raschen Überalterung, also mangelnder Aktualität, und der zwangsläufigen Subjektivität des Verfassers. Ebenso können Hintergründe, die eine Sängerkarriere beeinflußten, häufig nicht genügend erhellt werden. Nehmen wir die Urteile über die bedeutendsten deutschen Bassisten des letzten Jahrhunderts Greindl und Frick. Hier führt der Autor aus, dass Wieland Wagner mit Greindl den intelligenteren Sänger dem stimmlich überlegeneren Frick vorgezogen habe. Das ist nur die halbe Wahrheit. Greindl kam über Berlin und Heinz Titjen sehr früh zu den Bayreuther Festpielen und bewährte sich dort viele Jahre lang in allen bedeutenden Wagner Baßpartien. Frick sang 1957 unter der Regie von Wieland Wagner den Pogner in den Meistersingern. Er konnte sich mit Wielands Rollenkonzept, der Pogner als skrupellosen Zuhältertyp dargestellt haben wollte, nicht anfreunden. Am Ende sang er gegen den Willen des Regisseurs die Rolle -wie immer- als partriarchalische Vaterfigur. Im persönlichen Kontakt bedauerte Frick später, dass er diesen Auftritt nicht abgesagt hätte. Ebenso war er von Wieland nicht als Sachs zu gewinnen, weil der Sänger überzeugt war, dass ihm die Tessitura der Partie zu hoch liege.Übrignes waren Sachs und Wanderer genau die Partien, in denen Greindls Stimme klar überfordert war und dadurch gelitten hat. Später hatte Frick in Wolfgang Wagners Ring 1960 -64 noch eine durchaus respektable Bayreuther Karriere. International war er besonders für internationale Rezensenten, wie Steane und Mann der sängerisch am höchsten eingestufte Wagner-Baß seiner Zeit.Mit der breiten Darstellung dieses Beipiels wollte ich aufzeigen, wie schwierig es für einen Verfasser ist, Sänger deren Karrieren und Hintergründe ojektiv darzustellen. Wer sich vom subjektiven Urteil des Verfassers freimachen will sollte zu Büchern wie Kutsch/Riemens Unvergängliche Stimmen,die mehr den Charakter des Lexikons haben, greifen. Oder man muss bereits sein, die Subjektivität des jeweiligen Autors zu akzeptieren. Dabei ist nur schade, dass die Meinungen der vermeintlichen oder tatsächlichen Stimm-Experten schablonenhaft nachgedruckt und nachgeplappert werden. Also lieber kritischer Opernfreund, es heißt sich umfassend, laufend zu informieren, um sich ein eigenes Urteil bilden zu können. Dabei verlasse ich mich immer mehr auf meine spontane Empfindung statt auf den kühl analysierenden Verstand.
Unerträglich subjektiv und eitel - Dieses Buch wurde meiner Meinung nach von den meisten Kommentatoren überbewertet. Zu krampfhaft geriet der Versuch, sich von Kestings Buch abzusetzen, ohne sich wirklich von diesem überlangen Schatten befreien zu können. Zunächst stört mich das allzu umgangssprachliche Deutsch, das das Lesen nicht leichter, sondern unangenehmer,weil zu kumpelhaft, macht, dadurch eine Nähe zum Leser suggerierend, die ich als unangenehm und anmaßend empfinde. Das Glossar, das ja schwierige Begriffe erklären soll, ist ein Desaster, werden doch die Fachausdrücke haarsträubend ungenau behandelt, wobei die Definitionen eher Fischers Phantasie zu entspringen scheinen als den einschlägigen Lexika zu folgen - was Fischer wirklich dringend zu empfehlen gewesen wäre. Und dann seine Auskünfte und Meinungen zu den behandelten Sängern! Teilweise unnötig scharf formuliert, um sich um jeden Preis von Jürgen Kesting abzusetzen. Dass er dabei vor persönlichen Beleidigungen nicht zurückschreckt, solange die Sänger nur tot sind, läßt tief blicken. Verwiesen sei in diesem Zusammenhang auf sein Kapitel über Maria Callas. Man muß sie nicht bewundern, man kann und muß sie kritisieren, aber müssen wir wirklich in einem Buch, das einen zumindest pseudo- wissenschaftlichen Anspruch erhebt, die rhetorische Frage erdulden, wie Callas sich wohl gefühlt haben mag, falls es wahr sein sollte, dass sie ein Kind tot geboren hat, wenn sie auf der Bühne den Tod ihrer Kinder als Medea herbeizuführen hatte? Hat das etwas mit musikalischer Kritik zu tun, oder ist hier ein Kritiker völlig hemmungslos und frönt seiner Abneigung und seiner Verachtung?Ich könnte mit solchen Beispielen endlos fortfahren, halte das aber für sinnlos. Das ganze Buch plätschert ziellos vor sich hin, hat keine wirklich zwingende thematische Struktur und bringt den Leser in seinem Erkenntnisstreben nicht wirklich weiter. Den einen Stern habe ich deshalb vergeben, weil es, so weit ich sehen kann, das einzige greifbare Buch zu diesem Thema ist - und das ist nun wirklich keine Qualität des Buches selbst.